Der wilde Weiße – Sauvignon blanc

Foto: Sauvignon Blanc Weinberge in Blenheim, Marlborough, Neuseeland aus dem eigenen Archiv

Einer der beliebtesten Weine der Welt wuchs ursprünglich wild und unkultiviert im Südwesten Frankreichs bzw. dem Loire Tal – und so kam er zu seinem Namen – denn „sauvage“ heißt „wild“ auf Französisch.

Unsere persönliche Geschichte mit dem „wilden Weißen“ begann mit dem Jahrgang 2012 … denn zu diesem Zeitpunkt kauften wir die Weinberge eines anderen Weingutes hier in Weyher auf und kamen so wie die Jungfrau zum Kinde zum Sauvignon blanc. Das war schon eine spannende Sache, denn den Riesling kennen wir ja seit 1788, doch der Sauvignon blanc war komplett neues Terrain für uns. Wie sollten wir also mit diesem neuen und unbekannten Baby am besten umgehen?

Die Inspiration kam aus Übersee: Kurz vorher sind wir viel durch die Welt gereist, und waren unter anderem auch in Blenheim. Dies liegt auf der Südinsel von Neuseeland im Weinanbaugebiet Marlborough, einer Gegend, die klimatisch recht nahe an die Pfalz herankommt. Dort haben wir unsere Nase tief in die neuseeländischen An- und Ausbaugewohnheiten der Winzer stecken dürfen und festgestellt, dass der Sauvignon blanc in Neuseeland komplett anders schmeckt als die französische Version, die wir bis dato kannten.

Warum?

Der französische Sauvignon blanc ist ein kräftiger, opulenter Weißwein, der oft im Eichenfass reift und eine deutlich rauchige (fumé) Note hat. Die Neuseeländer hingegen bauen ihren Sauvignon blanc im Edelstahlfass aus und legen besonderen Wert auf die Balance zwischen Frische, Würze und Fruchtigkeit. Das gibt ihm den sogenannten „Überseecharakter“ – und wir waren sofort nach dem ersten Schluck große Fans! Besonders begeistert hat uns der einzigartig fruchtige Geschmack nach exotischen, gelben Früchten (Maracuja, Kiwi, Stachelbeere, Litschi) kombiniert mit einer unverwechselbaren Würze (grüne Paprika).

Also schrieben uns auf die Fahnen, diesen Überseecharakter in die Pfalz zu holen. Dazu gehörte natürlich zunächst einmal, sich mit dem Sauvignon blanc anzufreunden und festzustellen, inwiefern er sich vom Riesling unterscheidet, was er mag und was er nicht mag.

• Unsere erste Entdeckung: Der Sauvignon blanc ist lange nicht so eine Drama Queen wie der Riesling und kommt entspannt mit schwächeren Standorten zurecht – tiefenentspannt / laid back halt, wie man in Neuseeland und Südfrankreich eben so ist, wen wundert’s, bei der Herkunft? ;-)

• Die zweite Entdeckung: Ganz entscheidend ist das Blattwerk. Wir müssen sehr darauf achten, dass der Sauvignon blanc definitiv nicht zu viele Blätter hat, sonst stürzt er sich mit zuviel Schwung in eine Orgie der Photosynthese, was dazu führt, dass die Beeren für unsere Ziele zu intensiv und süß werden (denn die Zuckerproduktion wird über das Blatt gesteuert). Wenn Ihr also auf unserem Weingut einen halbnackten Weinstock seht, könnt Ihr davon ausgehen, dass sich hier kein Winzer mit Aggressionen ausgetobt hat, sondern dass es sich um einen gut gepflegten Sauvignon blanc handelt – denn kein anderer Wein wird so radikal zurechtgestutzt. (Dazu passt übrigens auch unser Blog zum Thema „Können Trauben Sonnenbrand bekommen?“).

• Die dritte Erkenntnis: Unser Übersee-Sauvignon-blanc muss ausgesprochen „reduktiv“ ausgebaut werden. Das bedeutet, die Träubchen dürfen nach der Ernte nur so wenig Sauerstoffkontakt wie irgend möglich bekommen.

Warum ist das wichtig? Ihr habt alle schon einmal einen aufgeschnittenen Apfel gesehen, der sich in kürzester Zeit auf der Oberfläche bräunlich verfärbt und seine knackige Frische verliert. Genauso wirkt sich der Kontakt mit Sauerstoff auf die spätere alkoholische Gärung aus: Je mehr Sauerstoff, desto breiter und kräftiger wird der Geschmack des Weins. Doch das ist nicht unser Ziel, wir möchten unseren Übersee-Sauvignon blanc knackig und etwas herber haben!

Was also tun? Da wir die Träubchen nicht wie die Apfelstücke in eine riesige Tupperdose stecken können, greifen wir zu einem Trick: wir legen gleich bei der Ernte, noch im Weinberg und vor dem Rücktransport ins Weingut, ein wenig Trockeneis über die Träubchen. Wenn es schmilzt, entsteht CO2. Dieses sinkt nach unten und – oh Zauber – verdrängt den Sauerstoff. Auch beim Pressen legen wir Trockeneis unten in die Wanne, um dem Sauerstoff den Garaus zu machen. Ihr seht schon – der Weinbau hat viel mit Kreativität und (chemischer) Erfahrung zu tun!

Foto: Trockeneiseinstaz in der Weinlese.

Und dann haben wir die Luft angehalten und uns die Daumen gedrückt … denn wir wussten wirklich nicht, wie unser Übersee-Experiment bei euch ankommt!

Doch der Erfolg war durchschlagend:

Unser Sauvignon blanc wurde schon 2018 bei der Bundesweinprämierung der DLG zu einem der 10 besten trockenen Weißweine Deutschlands gewählt. Heute gehört er bei der Vivino App (einer der größten Weinapps der Welt) zu den Top 6% der Weißweine weltweit und den Top 2% der Weißweine der Pfalz … und bei uns im Weingut ist er nach dem Riesling der beliebteste Weißwein.

Unser Fazit: Es lohnt sich, über den Tellerrand zu schauen, neue Wege zu gehen und ungewöhnliche Dinge auszuprobieren. Und das gilt natürlich nicht nur bei Wein! ;-)

Eure Übersee-Grafen

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