Das Haar in der Suppe

Foto: Weyherer Wein Panorama 2026 am Stand vom Weingut Graf von Weyher. Fotocredit Richard Zinken

Wusstet Ihr, dass unser Gehirn sich schlechte Nachrichten viel besser merkt als freudige Ereignisse? Dieser Effekt ist als Negativitätsverzerrung (Negativity Bias) bekannt. Wenn man an die Evolution zurückdenkt, ist das durchaus verständlich – denn wer sich nicht schnell genug einprägt, dass ein hungriger Säbelzahntiger keine gute Nachricht ist, hat kaum noch Gelegenheit, über die Schönheit des Lebens zu philosophieren. So weit, so nachvollziehbar.*

Doch leider hat dies zur Folge, dass schlechte Nachrichten sich besser verkaufen - und ergo liegt der Schwerpunkt jeglicher Berichterstattung auf den negativen Nachrichten. Das sorgt dafür, dass man sich die Tagesschau nur ansehen kann, wenn man gerade seelisch stabil ist – und dass man sich aus einer Liste mit einhundert guten Punkten nur die drei schlechten merkt.

Das ist traurig. Und für uns Unternehmer manchmal super frustrierend. Nehmen wir z.B. die letzte Bewertung, die wir anlässlich des Weyherer Wein Panoramas, auf Google erhalten haben. Die einzige Bewertung übrigens, von über 2.000 Besuchern.

Hier ist sie in voller Länge:

3 Sterne

„Das Panorama Weinfest/Weinwanderung ist wirklich sehr schön und kulinarisch ein echter Genuss! Sowohl der Wein, als auch das Essen waren hervorragend! Alles Gute hat aber hier leider ein sehr schlechtes Ende! Der eigens hierfür eingesetzte Shuttle-Service (Linie 500) fuhr einfach an der Haltestelle "Altes Rathaus" vorbei, obwohl wir schon 5 Minuten vorher dort waren und gewartet hatten. Schade, die zusätzliche Wartezeit von einer Stunde hatte uns den schönen Tag erheblich vermiest! Deshalb leider nur drei Sterne, ansonsten wären es fünf gewesen!“

Im Ernst jetzt? Sechs Winzer haben das Fest gemeinsam gefeiert, der Bus wurde zentral organisiert, alle haben unglaublich viel Zeit, Kraft und Geld in das Event gesteckt, damit es ein Erfolg wird … und dann wird eine Stunde Wartezeit (die man durchaus charmant hätte überbrücken können) mit drei Sternen auf die Seite eines einzelnen Weinguts geknallt.

Vielleicht lächelt ihr und denkt, dass wir uns ein wenig entspannen sollten. Es ist schließlich nur eine Bewertung unter über 200. Doch tatsächlich treffen uns solche Bewertungen mitten ins Herz. Denn nicht nur andere Menschen schauen flüchtig nach dem Gesamtergebnis, auch die Künstliche Intelligenz bewertet die Sterne. In einer Zeit, in der Sichtbarkeit und nachhaltige Bewertungen A&O sind, kann man da schon mal vor Frust in die Tischkante beißen.

Vielleicht ist es auch die Sorge um zu viel Lob? So sagte uns ein Kunde einmal ins Gesicht: „Nein, ich schreibe dir keine gute Bewertung. Dann bist du kein Geheimtipp mehr und wirst nur sagenhaft teuer. Diese Info behalte ich schön für mich.“ Da blieb uns kurz die Spucke weg.

Denn das Märchen vom reichen Unternehmer mit seinem entspannten Leben im Weinberg ist genau dies – ein Märchen. Wir arbeiten hart, rund um die Uhr. Wir bilden uns ständig weiter, fordern uns, springen zwischen Keller, Weinberg, Gutsausschank und Computer hin und her, investieren mit Herzensblut, kämpfen mit Bürokratie und volatilen Märkten (von der Politik ganz zu Schweigen) … und freuen uns wie ein Schneekönig, wenn wir eine gute Bewertung erhalten. Denn sie sind so viel wichtiger, als Ihr vielleicht denkt.

Darum möchten wir euch heute aus gegebenem Anlass sagen: Macht euch Komplimente! Sagt euch Positives! Überrascht eure Partner/innen, Freunde, Kinder und Kollegen … denn wir alle wissen, wie sehr ein unerwartetes Lob beflügeln kann. Und wenn Ihr dann noch ein paar positive Worte über uns und unsere Weine loswerden möchtet, haltet euch nicht zurück! Es muss nicht immer Google sein – auch eine E-Mail, ein Brief, eine Bewertung unserer Weine direkt auf unserer Webseite erfreut uns … Hauptsache ein Feedback! Es klingt vielleicht dramatisch, aber es ist so: Wir lechzen nach einem direkten Austausch.

Foto: Senior Chef Otmar in Bester Laune auf dem Weyherer Wein Panorama, Fotocredit Richard Zinken

Und um unseren guten Ratschlag gleich in die Tat umzusetzen (predigen kann schließlich jeder): An dieser Stelle möchten wir euch ein Kompliment machen: Ohne den direkten Kontakt zu euch wäre unser Leben nur halb so schön. Und auf die zwei, drei, die negativ sind, kommen wirklich Hunderte, die uns positives Feedback geben, uns ermutigen, uns zulächeln und Mut machen. Womit wir wieder bei der Negativitätsverzerrung sind. ;-)

Konzentrieren wir uns also gemeinsam auf das Gute und Schöne. Es gibt so viel davon!

Eure ganz bewusst positiv gestimmten Grafen

* Hier ist die wissenschaftliche Quelle dazu: Unser Gehirn ist evolutionär darauf programmiert, negative Erfahrungen stärker zu gewichten als positive – ein Phänomen, das als Negativitätsverzerrung (Negativity Bias) bekannt ist und genetisch sowie neurobiologisch verankert ist (z. B. Rozin & Royzman, 2001; Review of General Psychology).

 


5 comments


  • H. Franke

    Liebe Grafen,
    Lieber Jürgen,

    Kompliment – ein super Artikel. Der hat mir richtig gut gefallen, die Wahrheit und zugleich eure „Sorgen“ so zu kommunizieren!

    Weiter so, ihr seid ein tolles Team 😀

    Herzliche Grüße


  • Jo

    Hallo Ihr Lieben,
    von mir bekommt ihr ⭐️⭐️⭐️⭐️⭐️⭐️ wenn mein Weinvorrat zu Ende geht, denke ich an Euch 😉👍👍👍👍👍

    Liebe Grüsse Jo


  • Sabrina H.

    Guten Morgen ihr Grafen,

    Vielen Dank für den ehrlichen, charmanten Newsletter, da steckt sehr viel drin. Danke für dies.

    Es ist eine Freude euch zu kennen, mit euch zu arbeiten, über positives oder kritisches und das Leben zu zu sprechen.

    Herzliche Grüße
    Sabrina


  • M. Seeling

    Hallo liebe Grafen,

    Ich bestelle seit Jahren bei euch Wein und wir waren mit Freunden dieses Jahr zum ersten Mal auf dem Wein Panorama. Nach dem letzten „Infobrief“ musste ich euch einfach schreiben. Ihr macht fantastische Arbeit! Und Punkt! Vergesst diesen einen negativen Kommentar ganz schnell und lasst euch nicht die Laune verderben. Das Weinfest war super schön und wir hatten eine wunderbare Zeit nicht nur bei eurem Weingut. Wir werden auf alle Fälle wieder kommen. 5 Sterne sind nicht genug. Und übrigens, meine nächste Bestellung geht heute noch raus. Noch einmal vielen Dank für eure tolle Arbeit!

    Liebe Grüße Fam. Seeling


  • R. Dolle

    Liebe Grafen,
    Ich kenne euer Weingut seit ca. 30 Jahren, habe eure Weine sehr genossen, bin mit vielen Freunden (die uns in der Pfalz besuchen) bei euch gewesen, eure (Groß-)Mutter hat uns Weine probieren lassen und auch verkauft – kurz: wir schätzen eure Weine sehr – auch wenn wir nicht mehr oft bei euch kaufen (liegt aber nicht an euch!).
    Zudem lese ich immer mit großer Freude eure „Letter“. Die gefallen mir immer richtig 👍.
    Das Weinfest ist schon oft und immer gerne ein echtes Highlight für mich/uns gewesen und wird es auch bleiben.
    Das beschriebene „Haar in der Suppe“ ist ja offensichtlich keine „echte Kritik“, sondern beschreibt ein erlebtes „Pech“, welches aber nicht die Organisation als Ganzes in Frage stellt.
    Aber: Ihr habt es geschickt aufgegriffen, um auf diesem Wege wieder eine nette „Letter“ zu formulieren.
    Gut gemacht!


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