Faszinierende Geschichte(n)
Habt Ihr auch schon einmal an den Lippen eurer Oma oder eures Opas gehangen, als diese von ihren Erlebnissen berichteten? Wir haben uns diesen Sommer endlich mal wieder die Zeit genommen, unsere Großtante in der Schweiz zu besuchen, und da ist uns genau das passiert:
Unsere Tante Erika ist heute 82 Jahre alt. Als sie 18 war, hat sie Knall auf Fall das lauschige Weyher verlassen und ist mutterseelenallein in die Schweiz ausgewandert. Wir haben uns immer schon gefragt, wie man freiwillig (!) die wunderschöne Pfalz verlassen kann. Da steckt doch mehr als Wanderlust hinter – was kann da bloß vorgefallen sein?

Foto: Kristine, Guiseppe, Jürgen und Erika
Diesmal hat sie uns die Hintergründe erzählt, und wir müssen gestehen, wir haben den Hut gezogen: Als junge Frau hat sie sich in einen Mann aus dem Nachbarort verliebt, der ganz und gar nicht den elterlichen Vorstellungen entsprach, denn er war (man halte die Luft an) … NICHT katholisch. Unsere Urgroßeltern haben das entsprechend ihrer Prägung bewertet und die Beziehung kurzerhand verboten.
Erika beugte sich der elterlichen Entscheidung (zur damaligen Zeit hatte sie wenig Wahl), doch zog ihre Konsequenz: Sie schnappte sich ihre Siebensachen und verließ das Dorf – und auch den jungen Mann, der nicht bereit war, mitzugehen.
In der Schweiz fand sie eine Stelle in einem Supermarkt, in dem sie sich über die Jahre bis zur Filialleitung hocharbeitete. Außerdem verliebte sie sich neu und hat dort einen (wunderbarerweise katholischen) Italiener geheiratet. Ob die Eltern mit ihren eng gezogenen Schwiegersohnmaßstäben diese Alternative besser fanden, lassen wir mal dahingestellt. Wichtig ist nur eins:
Sie wurde glücklich mit ihrem Guiseppe.
Und während wir auf dem betagten Sofa saßen, ein wenig mitgebrachten Weyherer Wein genossen und über die Vergangenheit sinnierten, kramte Tante Erika auf einmal ein faszinierendes Büchlein hervor, das die Geschichte von Weyher behandelt. Es wurde von dem damaligen Weyherer Bürgermeister W. Hundemer und Lehrer G. Bendel zusammengestellt und basiert auf wissenschaftlich fundierten Quellen.
Wir haben nicht schlecht gestaunt, als wir mitten in den Alpen so viel Neues über unser Dorf erfuhren:
Weyher wurde das erste Mal im Jahr 777 in Urkunden im Dom zu Speyer genannt. Damals hieß es noch Villa quae Wielere Dicitur. Der Name bedeutet Landhaus, Herrenhaus, Gehöft oder Hofanwesen. Der Anlass der Eintragung: Der Kurfürst verschenkte kurzerhand das ganze Dorf an die Kirche. Wissensdurstig haben wir uns natürlich sofort gefragt, welche Sünden man begangen haben muss, um als Ausgleich ein ganzes Dorf in den Klingelbeutel zu werfen? Leider wurde das nicht dokumentiert, aber wir spekulieren gern bei einem Glas Wein gemeinsam mit euch über mögliche Gründe, wenn Ihr uns das nächste Mal besucht!
Schon damals wurde Weyher urkundlich als Weinort und Viehort deklariert. Unsere Weinwurzeln reichen also bis in die tiefste Vergangenheit zurück! Doch noch viel spannender: Bei einer Flurbereinigung in den 70-er Jahren sollten einige Weinberge verlegt werden. Während der Ausgrabungen stießen die verblüfften Weyherer auf alte Gefäße, Werkzeuge und Steinsärge. Plötzlich dämmerte allen, warum die Straße direkt daneben Römerstraße heißt.

Tante Erika erinnert sich noch gut an die Berichte über die Aufregung im Dorf. Tatsächlich wollte unser Großvater den Fund melden, doch die Angst vor langfristigen behördlichen Blockaden war größer als das archäologische Fieber. Daher wurde der Fundort, der sich über mehrere Besitztümer erstreckt, gleich wieder zugedeckt und befindet sich auch heute noch versteckt unter wunderbaren Sauvignon- und Saint Laurent-Reben.
Doch einige unternehmungslustige Weyherer haben ein paar der Fundstücke weggenommen, sie untersuchen lassen und nicht schlecht gestaunt, als das Ergebnis kam: Sie lassen sich auf ca. 300 nach Christus datieren. Und besonders schön: Auch diese Tröge wurden schon damals mit Wein befüllt!

Scheinbar ist unser kleines Dorf also viel älter als die offiziellen 1.248 Jahre und gehört zu einer der ältesten Römersiedlungen in der Pfalz. Doch offiziell ist dies unbekannt, denn das kleine Büchlein ist ein Geheimtipp. Wir Eingeweihte wissen es, das muss reichen!
Sprechen wir also über die offiziellen Zahlen: Die Anfänge unseres Familien-Weinguts lassen sich urkundlich bis ins Jahr 1788 zurückverfolgen und wir vermuten, dass die echten Anfänge viel weiter zurückliegen! Auf dieses Alter kann man stolz sein, wie wir finden. Doch verglichen mit der Geschichte von Weyher sind wir ein blutjunges Start-Up. In zwei Jahren wird die offizielle 1.250-Jahrfeier stattfinden … und das ganze Dorf überlegt jetzt schon, wie dies gebührend gefeiert werden kann. (Ideen werden gerne entgegen genommen!)
Übrigens: Weyher hatte vor dem ersten Weltkrieg 730 Einwohner. Heute sind es ca. 560. Eine von den 170, die das Dorf für immer verließen, ist unsere Großtante Erika. Ihre Geschichte beweist, dass man entgegen aller Erwartung tatsächlich auch außerhalb von Weyher ein lebenswertes und glückliches Leben führen kann. (Wir glauben es euch ja ;-)).
Doch wir freuen uns über alle, die den Weg zu uns finden, und ein Stück Weyherer Lebenslust und unsere Weinkultur mit uns genießen.
Eure tief in der Geschichte verwurzelten Grafen
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